Warum eine gerissene 1,5°C-Grenze uns nicht davon abhält, uns für Klimagerechtigkeit einzusetzen
„Die 2008 entstandene und 2019 ihren Höhepunkt erklimmende Klimabewegung existiert nicht mehr“, schrieb Christian Zellner in der Analyse & Kritik (AK 717) und er ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Von verschiedenen Seiten wird – mal besorgt, mal schadenfroh – gefragt, wohin die Klimabewegung verschwunden sei, vor allem jetzt, wo sich die globalen Temperaturen um mehr als 1,5 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit erhöht haben und damit das große Ziel der Klimabewegung nicht erreicht wurde.
Uns als langjährige Klimagerechtigkeitsgruppe macht das fassungslos. Wir sagen stattdessen: „Hallo! Wir sind noch da!“ Nur, weil es die Bewegung seltener in die Schlagzeilen schafft, bedeutet das nicht, dass sie nicht mehr aktiv ist. Und nur weil die 1,5 °C-Grenze gerissen wurde, heißt das nicht, dass wir aufhören zu kämpfen.
Seit dem Wegfall des Rheinischen Braunkohlereviers als gemeinsamer Kristallisationspunkt ist die Landschaft der deutschsprachigen Klimagerechtigkeitsbewegung unübersichtlicher geworden. Einerseits binden der gesellschaftliche Rechtsruck, verschärfende Abschiebepolitik, Kriege in Gaza, Ukraine und anderswo verständlicherweise Kapazitäten von politisch aktiven Gruppen. Gleichzeitig machen die auch in Europa immer sichtbareren Folgen der Klimakrise Angst.
Unter denjenigen, die in der Klimabewegung aktiv waren, sehen wir unter anderem zwei Stränge. Es gibt die einen, die öffentlichkeitswirksame Proteste gegen fossile Infrastruktur organisieren. Hier ist z.B. Ende Gelände zu nennen, die im Mai 2026 eine Massenaktion gegen Gaskraftwerke planen. Der andere Strang bereitet sich auf den gesellschaftlichen und ökologischen Kollaps im Angesicht der Klimakatastrophe vor. Ein erstes großes Zusammentreffen war das Kollapscamp im August 2025.
„Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, den Kampf verloren zu haben“, schreibt Ende Gelände Wuppertal im Sommer 2025 und gibt ihre Auflösung bekannt. Die Ortsgruppe hat sich entschlossen, ihre politische Arbeit darauf zu konzentrieren, solidarische Strukturen für „eine Welt im Kollaps“ vorzubereiten, die ehemaligen Strategien der Klimabewegung halten sie nicht mehr für „zielführend“. Wir haben viel Achtung davor, wenn Gruppen reflektiert ihre Strategie ändern und dies öffentlich kommunizieren. Gleichzeitig bleiben für uns Fragen. Welcher Kampf ist gemeint? Der Kampf um das 1,5°C-“Ziel“?
Zunächst ein sprachnerdiger Hinweis: 1,5 °C war nie ein Ziel. Es war eine Obergrenze, die einzuhalten von Gruppen aus dem Globalen Süden im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen eingefordert wurde, um das schiere Überleben zu sichern. Auch wenn wir die 1,5 °C-Grenze in der politischen Kommunikation verwendet haben, lag der Fokus unseres Wirkens nie auf einer Reduktion von Treibhausgasemissionen allein, sondern auf Klimagerechtigkeit: also als Widerstand gegen Unterdrückung und Naturzerstörung, als Wirken für gerechte Zugänge zu Land, Wasser und anderen überlebensnotwendigen Ressourcen. Wir wollen an die Wurzeln des Systems, das Treibhausgasemissionen und Ungerechtigkeiten produziert.
Wenn wir von Klimagerechtigkeit statt einer Temperaturgrenze in den Blick nehmen, dann stellt sich die Frage, was es bedeutet, „den Kampf zu verlieren.“ Diese Formulierung klingt nach einem Fußballspiel. Es gibt eine begrenzte Spielzeit und spätestens nach dem Elfmeterschießen ist klar, ob man gewonnen oder verloren hat. Beim Kampf für Gerechtigkeit schießen wir zwar auch mal ein Tor und müssen oft eines kassieren. Aber einen Abpfiff für dieses Match wird es nie geben. Es wird niemals diesen mythischen Tag ‚nach der Revolution‘ geben, an dem die Welt zur perfekten Utopie wird und in der wir die Füße hochlegen können. Die gute Nachricht darin: Es ist wird nie zu spät sein, für Klimagerechtigkeit zu kämpfen.
Natürlich gibt es auch in unserer Gruppe Trauer, Enttäuschung und Wut darüber, dass wir keine tiefgreifenderen Veränderungen erreicht haben, dass die Klimakrise immer schneller voranschreitet, dass Erkämpftes in Frage gestellt wird. Natürlich gibt es auch in unserer Gruppe Erschöpfung in Bezug auf die bisherigen Strategien und die Suche nach neuen Ansätzen. Doch die Dramatik, mit der an manchen Stellen der Kollapsbewegung vom „Scheitern“ gesprochen wird, und wie für die absolute Abkehr von bisherigen Aktionsformen argumentiert wird, fühlen und sehen wir nicht.
Selbstkritik in allen Ehren. Aber Geständnisse in wuchtigen Vokabeln lässt uns eher vermuten, dass wir als Bewegung völlig überzogene Erwartungen an uns selbst hatten. Warum sollten wir in einigen wenigen Jahren hier in Deutschland das erreichen, woran soziale Bewegungen überall auf der Welt seit Jahrhunderten arbeiten? Und schon viele andere soziale Bewegungen das Gefühl, sich gegen das Ende der Welt zu stellen.
Wir bei ausgeCO2hlt sehen unseren Widerstand weniger als Endspurt. Wir wehren uns dagegen, einen bestimmten Zeitpunkt als „die letzte Chance fürs Klima“ zu markieren. Stattdessen sollten wir uns als Teil eines generationenübergreifenden Staffellaufs für Gerechtigkeit verstehen. Denn wir gehen davon aus, dass es bei Klimagerechtigkeit im Kern um andere Formen der Beziehung geht – mit anderen Menschen, mit der Natur, zu uns selbst. Mit denen, die vor uns waren, und denen, die nach uns sein werden. Und diese Solidarität ist, was bleibt, egal bei welcher globalen Durchschnittstemperatur.
Diese Beziehungsarbeit trägt viele Gesichter. Einige von uns protestieren weiterhin gegen Kohle. Wir haben über die Jahre Menschen aus Steinkohleabbaugebieten in Kolumbien kennengelernt und über sie die Folgen, die der Abbau hat, eindrücklich erfahren. Wir wissen, wie sehr sie zusätzlich unter dem sich verändernden Klima leiden. Die Menschen in Kolumbien kämpfen gegen den Abbau der Kohle, die dann nach Deutschland kommt, und wir setzten uns hier für ein Ende der Verstromung ein. Wie könnten wir ihnen sagen, dass es für Kohleproteste gerade kein „window of opportunity“ gebe, oder dass es dafür „zu spät“ sei?
Manche von uns leisten Widerstand gegen das EU-Grenzregime und sind an der Seite von Geflüchteten. Sie zeigen, dass wir die Menschen nicht immer persönlich kennen müssen, mit denen wir solidarisch sind. Andere organisieren Nachbarschaftsküchen, um lokale Netzwerke zu stärken, moderieren Gespräche mit Menschen in Betrieben über eine sozial-ökologische Transformation oder begleiten Kinder ins Leben. Andere von uns engagieren sich für Streuobstwiesen oder den Erhalt von Wäldern, denn wir können auch Solidarität mit nicht-menschlicher Natur üben. Einige von uns sind bei Ende Gelände oder Widersetzen aktiv. Wir lieben es, wenn sich Menschenmassen im Schwarm organisieren und in der Aktion eine ganz direkte Art der Solidarität untereinander erleben. Solidarische Verbindungen, enge und lockerere, nahe und ferne, sind für uns der beste Garant für politische Veränderung und Resilienz – nicht nur im Katastrophenfall.
Wir tummeln uns verstreut im Ökosystem der Bewegungen, ohne den ganz großen Masterplan, ohne dass es das eine definierte Ziel gäbe, auf das wir hinarbeiten. Aber wir haben das Verständnis, gemeinsam aktiv und widerständig zu sein. Jeder Raum, in dem Menschen selbstbestimmt zusammenkommen, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Dinge zu planen, gemeinsam zu handeln, um etwas zu erreichen, zu feiern, zu teilen, wirkt hin auf Klimagerechtigkeit im weiteren Sinne. Wir sind nicht politisch aktiv, weil wir dafür irgendwann in der Zukunft belohnt werden, sondern weil unser Handeln schon in der Gegenwart wirkt. Deshalb fällt unser Widerstand nicht in sich zusammen, wenn die externen Ziele hinter dem Horizont verschwinden.
Zwischen all dem kommen wir auch zusammen, um unserer Trauer und Verzweiflung über den Zustand der Welt gewahr zu werden, um miteinander zu trauern. Wir schaffen Räume, in denen wir zusammen aushalten, was uns alleine fertig machen würde. Eine chronische Verdrängung würde uns den Zugang zu unserer Emotionalität und Lebendigkeit versperren, die uns Kraft für unser politisches Handeln geben. Wir setzen uns mit unserer Angst auseinander, damit sie nicht unser Handeln bestimmt.
Das Zusammenkommen ist für uns eine Quelle der Stärke. Das herrschende kapitalistische System will uns vereinzeln. Wir wollen diese Trennung durch solidarische Beziehungen überwinden. Darum sehen wir auch keinen Widerspruch darin, ob Menschen zusammen kommen, um solidarisch zu preppen oder zu blockieren. Im letzten Jahr ist viel Beziehungsarbeit dafür getan worden, dass sich diese beiden Ansätze einander annähern, dass diese unterschiedliche Stränge sozusagen zu einem Zopf verflochten werden – und diesen Text sehen wir als Teil von diesen Bemühungen.
Wir glauben nicht an den Tag X, an dem die Welt entweder zum Paradies oder zur Hölle wird. Die absolute Dystopie ist nur das Gegenstück zur vollendeten Utopie in einem Weltbild, das alles binär sieht. Auch wenn sich die Ausgangsbedingungen drastisch verschlechtern: Was immer kommt, es wird gestaltbar sein, wenn wir es wollen. Und das ist es, was uns die Kraft gibt, weiterzumachen: Nicht Hoffnung auf ein in die Zukunft gerichtetes messbares Ziel, sondern eine Zuversicht auf zeitlose Veränderbarkeit. Und darauf, dass es sie immer geben wird, diese Momente, in denen wir zusammen feiern, lachen, lieben, und in der ein oder anderen Form des solidarischen Zusammenlebens aufscheint.
